Boneshaker

Autorin Kate Milford. Das ist im Universum der Kinderliteratur ein ganz besonderes Kapitel. Ihre Geschichten sind anders als alles, was man sonst zu lesen bekommt. Absolut eigen. Absolut tief. Absolut faszinierend. Und es kommt noch etwas dazu: Alle ihre Romane hängen auf geheimnisvolle zusammen. Auch wenn man das beim ersten Lesen vielleicht gar nicht bemerkt, irgendwann entdeckt man die Fäden, die von einem zum andern gesponnen sind. Sei es eine Figur, die wieder auftaucht. Eine Geschichte, die hier erlebt, da erzählt wird, oder einfach nur eine grüne Glasscherbe, die uns zurück zu einem ganz besonderen Haus nach Nagspeake bringt, einem einst von Schmugglern bevölkerten Ort an der amerikanischen Küste, von dem nicht einmal die heißesten Kate-Milford-Fans ganz genau wissen, ob er erfunden ist oder ob es ihn wirklich gibt…

© Verlag Freies Geistesleben

Doch nun zu BONESHAKER, das 2015 bereits auf deutsch erschien. Ich kann euch beim besten Willen nicht sagen, ob dies vielleicht der erste Roman ist, den ihr von Kate Milford lesen solltet, der, mit dem alles beginnt. Vielleicht sollte man wie ich mit „Greenglass House“ beginnen. Oder doch mit „Broken Lands“? Da alles hier in alles greift, kann man wohl einsteigen, wo man möchte. Spannend also: Jeder Leser, jede Leserin sucht sich ihren eigenen Weg durch das Räderwerk der Geschichten dieser fantastischen Autorin. 

Ein „Knochenschüttler“ ist durchaus eine markerschütternde Sache. Auch wenn es sich in diesem Buch dabei um ein Fahrrad handelt. Eins von der Sorte mit einem großen und einem kleinen Rad. Eins, das Heldin Natalie bei jedem Fahrversuch abwirft wie ein bockiges Pferd. Was für das von jeder Art Technik und Mechanik begeisterte Mädchen ein echtes Ärgernis ist. Die Geschichte beginnt, als der Arzt ihres Heimatstädtchens mit einem der ersten Automobile zu einer Epedemie in den Nachbarort aufbricht. Genau da erreicht ein seltsamer Trupp Natalies Heimatort und schlägt einen ungewöhnlichen Jahrmarkt auf. Quaksalber scheinen sie zu sein. Stellen die seltsamsten Apparaturen, Maschinen und dubiose Heilmethoden vor. Als die Bevölkerung ihnen bald schon nahezu hypnotisch folgt, beginnen Natalie und ihre Freunde Verbindungen zu den alten Geschichten zu ziehen, von denen Natalies Mutter vor ihrer Erkrankung stets erzählt hat und die in die Ruinen einer benachbarten Geisterstadt weisen. Auch der ur-uralte Gitarrist Tom weiß davon zu berichten. Mehr noch, er spielt selbst eine Hauptrolle darin. Nur wie kann jemand noch munter auf seinem Instrument herum zupfen, wenn er tatsächlich in mehr als hundert Jahre alte Geschichten gehört? 

Über die faszinierende, dampfende und kreischende Mechanik des Buchs beginnt sich zunehmend ein diabolischer Schleier zu legen, der immer bedrohlicher wird. Lange bewahrt Natalie einen kühlen Kopf, noch länger braucht sie, um die Fäden aller Ereignisse zu entwirren, doch dann zählt nur noch ein Ort — und an diesen muss sie sehr schnell kommen. Beim entscheidenden Run darf ihr Rad sie nicht im Stich lassen…

Ein absolutes Steampunk-Buch, in dem natürlich auch ein Perpetuum Mobile nicht fehlen darf. Starke Nerven und technische Abgebrühtheit sollte man als Leser:in mitbringen, auch wenn der Grusel und die Anspannung subtil versteckt sind: sie wühlen auf. Der Titel ist Programm: Nicht nur die Maschinen der teuflischen Quaksalber erschüttern ihre Patienten bis ins Mark, auch die Geschichte schüttelt uns durch. 

Kate Milford: Boneshaker
Verlag Freies Geistesleben, 2015. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Mit Illustrationen von Andrea Offermann. Gebunden. 382 Seiten. ISBN 978-3-7725-2774-6. Ab 12