Ramas Flucht

Wenn Steine bewegen…

Man kann ja über die neuen Medien sagen, was man möchte, Facebook, Twitter, Instagram und Co. für ein Übel oder bereits überkommene Plaudermedien halten…, ich finde, man sollte bei all dem nicht vergessen, wie sehr das Internet in zunehmendem Maße den Zugang zur Welt und den Anschluss an die Welt öffnet und deshalb unter anderem Begegnungen geschehen lässt, die ohne die neue, virtuelle Nähe nicht möglich wären. Ergebnis einer solchen Zufallsbegegnung ist dieses unglaubliche Bilderbuch. Illustrator ist ein Mann, der immer noch in Syrien ist und seine Heimat nicht verlassen möchte, weil er sein Zuhause liebt. Autorin ist eine in Kanada lebende Niederländerin, die auf einer kleinen Insel im Pazifik ein Bed&Breakfast für Buchliebhaber betreibt. Beim Surfen im Internet stieß sie auf ein Bild, das aus Steinen gelegt war und sie tief beeindruckte. Sie fand weitere Arbeiten Nizar Ali Badrs auf einer Facebookseite, aus denen für sie das ganze Leid und die ganze Mächtigkeit der Gefühle im kriegsgebeutelten Land Syrien sprach. Die Facebookseite wurde offenbar nicht mehr betreut und so dauerte es eine geraume Zeit, bis es Margriet Ruurs gelang, einen Kontakt zu dem syrischen Künstler herzustellen. Sie verfolgte den Traum, zu seinen Bildern eine Geschichte für Kinder zu schreiben, in der Hoffnung, dass Text und Bilder zusammen Eindrücke hinterlassen würden. Nizar Ali Badrs Bilder handeln von Krieg und Flucht. Es sind flüchtige Bilder. In Ermangelung von Klebstoff legt er die Steine seiner Heimat zu Bildern, fotografiert sie und löst sie wieder auf. Alle Bilder bestehen nur aus Steinen, sie wiegen schwer und bezaubern dennoch durch unumstößlich wirkende Schönheit. Auch im Grau des Steins schimmern noch die Farben großer Menschlichkeit hoffnungsvoll hindurch. Margriet Ruurs Geschichte kommt begleitend mit wenigen Worten aus, die Seite für Seite auf Deutsch und auf Arabisch aufgeschrieben sind.

Wunderschön. Bewegend. Man kommt über das Buch mit Kindern ins Gespräch und möchte gleich loslegen, selbst Steine zu sammeln und mit ihnen auszudrücken, was uns ausmacht. Ein Buch, das fortlebt, wenn man es beiseite legt… Eine Definition für leseweise Literatur.

Margriet Ruurs und Nizar Ali Badr: RAMAS FUCHT. Deutsch-arabische Ausgabe. Gerstenberg 2017. #_ISBN_978_3_8369_5973_5. 54 Seiten. Fester Einband. LW_Ab_6_Jahren und LW_Für_jedes_Alter.  12,95 €

Die Geschichte erzählt vom Leben eines Mädchens in Syrien, das voll wundervoller Erinnerungen ist – an das morgendliche Krähen des Hahns, an die Geräusche aus der Küche, an die sonnenwarme Erde, über die die Kinder mit nackten Füßen springen und spielen. Doch jetzt ist all das nur noch Erinnerung, denn jetzt herrscht Krieg, und die meisten Nachbarn sind schon weg. Es dauert eine Weile, bis sich auch die Familie der jungen Erzählerin entschließt, vor Krieg, Angst und Tod zu fliehen.

Sehr viele ähnlich gelagerte Geschichten erscheinen derzeit im Akkord in Kinder- und Jugendbuchverlagen, was auch sehr gut ist, weil wir Erwachsenen eine Erzählgrundlage brauchen, um mit unseren Kindern ins Gespräch über die aktuellen Geschehnisse zu kommen. Dieses Buch sticht für mich aufgrund der Ausnahme-Bilder und seiner berührenden Entstehungsgeschichte aus den anderen heraus. Hier wird nichts in Stein gemeißelt, hier wird aus Steinen gelegt. Nicht allein das Buch, jedes Bild darin ist ein Schmuckstück. Ein Schmuckstück unserer aktuellen Menschheitsgeschichte.

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