Jan von Holleben im Gespräch mit Konstanze Keller

Konstanze Keller von LESEWEIS®:

Lieber Jan von Holleben, ich halte dein neustes Buch, MONSTERHELDEN, in Händen, begegne darin den manierlichmonströsen, sehr stolzen, sehr großen Schönprinzessinen, dem Kuschelkoloss, dem zettelzotteligen Knitterdino, dem Reifenrollentroll und dem Buntblätterich – um nur ein paar wenige zu nennen – und frage mich, nein, dich: warst du selbst von eh und je her ein Monsterheld? Hand auf’s Herz: Wann bist du ihnen das erste Mal begegnet? Diese fantastischen Wesen, die uns hier zum begeisterten Staunen bringen, hast du dir ja wohl kaum einfach nur ausgedacht. Oder?

Jan von Holleben:

Natürlich hatte ich sehr viele Helden und Monster in meiner Kinderheit. Ohhhh ja! Viele! Ha! Könnte mir eine Kindheit ohne gar nicht vorstellen. Wann das anfing, weiß ich nicht mehr. Für mich war Fuchur auf jeden Fall ein großer Held. Der ungeheuerliche Max von den wilden Kerlen war ein Held. ALF war wichtig. Die kleine Hexe und ET waren super. Superman nie wirklich. Kaum irgendwelche Marvel oder DC Comics Helden waren wirklich für mich spannend.

Konstanze:

Oh, ja, das hört sich gut an. Und gut möglich, dass diese Wesen deine Fantasie beflügelt haben…, doch schon rein optisch überflügeln die MONSTERHELDEN diese doch eher klassischen Fantasiewesen um ein Vielfaches. Deine Gestalten haben stets ein Kind im Herzen (nicht bloß sprichwörtlich), um das ein Feuerwerk von Dingen wild-präzise zu einem monströsen und dabei filigran-fröhlichen Wesen explodiert. Wo kommen dir deine Ideen für solche Gestalten her? Entwirfst du die Teefee oder die Handschuhhosler … am Reißbrett? Oder entstehen sie spontan beim Fotografieren durch das, was gerade da ist?

Jan:

Sehr schöne Frage. Danke. Meine Bilder gründen immer auf einer abstrakten ersten Idee. Diese entwickelt sich dann weiter, dreht sich im Kreis, hüpft hin und her und am Ende gibt es Bilder, die irgendwie auch immer den ganzen Prozess widerspiegeln. Speziell bei meinen Büchern ist die Form und der Inhalt immer in Zwiesprache (Die Bilder sind für die Buchform gemacht und nicht für eine Galerie oder ein Magazin). Bei den Monsterhelden ist es so gewesen, daß ich schon immer gerne mal ein Kompendium der tollsten Monster machen wollte. Dabei merkte ich schnell, daß meine Idee von Monster und meine Idee von Helden eine große Schnittmenge hatte. Diese wollte ich zusammen mit einer Truppe Kindern gemeinsam ausloten. Konkret auf deine Frage hieß das, sich zu überlegen, was für Monsterhelden wir bauen wollen, was für Charaktere sie haben und aus welchem Material dies sein könnte. Manchmal fanden wir auch Gegenstände und überlegten dann, was für ein Monsterheld daraus gebaut werden könnte.

Der nächste Schritt ist dann für mich ein lang erprobter: Wie beim Hüttenbauen, Legospielen, Bildermalen: einfach mal anfangen. Die Form und der Inhalt finden sich während der Arbeit. Es ist das Spiel mit den Dingen: die Spontaneität, die Improvisation, das Prüfen, das sich Begeistern. Das Spiel ist für mich immer auf höchster Ebene sehr ernst zu nehmen. Die Energien und Möglichkeiten und Qualitäten, die dadurch frei gesetzt werden, sind, wenn ernsthaft betrieben, immer spannend zu erleben.

Konstanze:

Genial. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Diesen Satz muss Schiller mal geäußert haben, und das begleitet mich immer und immer wieder, so als würde da ein tiefes Stückchen Wahrheit drin stecken. Deine Worte lassen das wieder aufleben. Und sie decken sich total mit dem, was man in deinen Bildern sieht. Das Spiel, die Lebendigkeit, die kreative Durchdachtheit oder die durchdachte Kreativität… wie immer. Das heißt, dein Material und deine Ideen sind stets im lebendigen Austausch miteinander, bedingen einander, keines hat den absoluten Vorrang? Es heißt auch, dass die Kinder einen starken Anteil an der Entstehung der Bilder haben, der weit über das „Modelsein“ hinausgeht? Und es ist weiterhin so, dass gerade bei den MONSTERHELDEN nicht nur die Bilder des Buches entstanden sind, sondern auch die Namen und Eigenschaften dieser Wesen und irgendwo im Hintergrund auch ihre Geschichten?

Jan:

Der Satz von dir ist, glaube ich, aus der Ästhetischen Erziehung des Menschen. Ja! Ich bin ein großer Fan vom ‚Glasperlenspiel‘ und von Huizingas Spieletheorien. JA JA JA! Vorrang hat immer die Idee. Ich sehe mich als Direktor, der alle Teile des Projektes zum Ziel bringt. Es muss einen Plan geben. Der Prozess ist dabei jedoch sehr flexibel. Manchmal kommt viel Feedback von den Kindern oder auch von dem Kind in mir. Ich sehe mich aber auf keinen Fall dabei als kindisch oder kindlich. Ich glaube, daß ich einfach ein sehr gutes Verständnis für die Bedürfnisse von Kindern entwickelt habe. Oft geben Kinder mir auch nonverbales Feedback und oft sind es auch Kinder, die nicht unbedingt am Projekt beteiligt sind. Die Kinder in den Fotos sind dann oft die Katalysten. Sie sind im Prozess aber auch die perfekten Kritiker und machen neben mir auch die Qualitätskontrolle der Bilder.

Bei den MONSTERHELDEN ist alles gleichzeitig entstanden. Im Groben standen die Bilder am Anfang und dann erst der Text, aber inhaltlich haben sich die Charaktere immer parallel zu den Bildern entwickelt.

Aber wie es so ist, am Ende, wenn alle zusammen auf einen Fleck kommen, schrubben sich die Monster aneinander ab und zeigen ihre wahren und eigenen und besonderen Identitäten! So war es auch mit dem Text zu den Bildern.

Konstanze:

Nein, nicht kindlich, schon gar nicht kindisch, auch kindgeblieben wäre, glaube ich, nicht der richtige Ausdruck, aber du hast das Kind, das du warst, nie vergessen – könnte man das so sagen? Astrid Lindgren hat immer betont, dass sie ausschließlich für das Kind, das sie einmal war und das immer noch in ihr lebt, ihre Geschichten spinnt und erzählt und schreibt. Für das Kind, das sie am besten kennt. Du weißt, wie inspirierend deine Bilder, deine Bücher für Kinder sind? Für mich ist es immer ein ganz wichtiges Kriterium bei der Beurteilung von Kinderbüchern jeder Art, ob sie außerhalb der Buchdeckel weiterleben. Ob die Kinder das Buch zuschlagen, weglegen und selber loslegen. Nachspielen, auch Held werden, malen, was sie gelesen haben, bauen, ermitteln, auf unsichtbaren Pferden davonreiten, basteln, Fortsetzungen schreiben, fliegen! Ist eins deiner Anliegen mit MONSTERHELDEN – auch ganz bewusst (denn natürlich passiert es), Kinder zum eigenen kreativen Tun zu animieren? Du gibst ihnen ja am Ende des Buchs sogar praktische Tipps zum Fotografieren.

Da fällt mir außerdem der Fleck ein, an dem ihr dann alle zusammen kommt, wie du schreibst. Das muss doch ein sehr großer, besonderer Raum sein. Wo entstehen deine Fotografien? Und wo hast du den ganzen herrlichen Krimskrams her? Welche Grenzen sprengt dein Lager mittlerweile? Kann jeder Gegenstand ein Jan-von-Holleben-Objekt werden – oder hast du Auswahlkriterien? 🙂 Mir fällt einfach die herrliche Farbpalette auf – ich sag nur Schuppschuhbidu – und dass jedes noch so kleine Detail, ja, schön aussieht.

Jan:

Was mein Kind in mir angeht, bin ich mir nicht so ganz sicher, ob sich das mit Astrid deckt. Ich habe oft darüber nachgedacht und störe mich aber immer wieder daran, warum ein erwachsener und verantwortungsbewusster Mensch nicht einfach einen guten Zugang zu den Bedürfnissen von Kindern haben kann, ohne von oben herab zu kommen. Ich merke mehr und mehr, daß für mich die Schnittmenge nicht das Kindliche ist, sondern das Spielerische. Kinder sind Spezialisten darin und ich habe für mich gelernt, das Spiel in meinen Alltag und meiner Arbeit voll zu integrieren. Und wie gesagt, ist es ein sehr verantwortungsvoller Umgang mit meiner Umwelt, wenn ich spiele. Es hat viel Leichtigkeit an sich, ohne leichtfertig zu sein. Es hat viel Sinn und Zielbewusstsein in sich und ist eben nicht, wie viele Menschen denken, nur ein Zeitvertreib. Wenn ich mit Kindern spiele, dann trete ich in eine sehr ernsthafte Kommunikation ein. Ich bleibe dabei immer Erwachsener und werde nie zum Kind. Ich fühle mich manchmal ein bisschen als Verbündeter, ein Spion für die Kinder. Ich habe das Gefühl, das mir Kinder Dinge erzählen können, die sie sonst nicht so ernsthaft mit anderen Erwachsenen teilen. Und das auf einer sehr intellektuellen Ebene – nicht notwendiger Weise auf emotionaler Ebene, was man sich vielleicht leichtfertig denken könnte. Und andersrum kann ich den Kindern oft Dinge von den Erwachsenen erzählen, die sie so vielleicht nicht so einfach annehmen könnten. Natürlich kommt mir dabei meine eigene Erfahrung als Kind immer zu Hilfe. Aber auch der unentwegte ernsthafte Umgang mit Kindern im Privaten und beruflichen.

Ich weiß, daß Kinder mit Fotografie und speziell mit meiner Fotografie sehr viel anfangen können. Ich merke dabei auch, daß Kinder sehr wohl und auch begeistert an Diskursen der Erwachsenen teilnehmen können, aber nur selten dabei ernstgenommen werden. Mich wundert das immer, weil es doch die Kinder sind, die am längsten auf dieser Erde verweilen werden. Wir sollten sie deswegen sehr ernst nehmen. Ich versuche mit meinen Bildern immer auch eine Brücke zu schlagen. Die Kinder in der Erwachsenenwelt zu integrieren und vice versa. Da ich mit beiden Seiten kollaboriere ist das immer ein sehr spannender Austausch. Für mich ist das Büchermachen für Kinder immer noch ein sehr neues Medium. Vorher waren es nur Fotografien, die diese Verbindung hergestellt haben. Mit Büchern habe ich ein neues Werkzeug für meine kleine geheime Mission gefunden. Das ist sehr aufregend und ich lerne noch sehr viel dabei.

Bei den MONSTERHELDEN ist es mir ein großes Anliegen, daß die Kinder die Inhalte weiter tragen. Es ist keine Gute-Nacht-Geschichte. Es ist auch kein witziges Buch zum Zeitvertreib. Für mich ist es ein Nachschlagewerk, eine unvollständige Sammlung, eine Diskussionsgrundlage für Kinder, ein Handbuch… – irgend so was.

Mein Studio ist ein großes Spielzimmer. Ja. Es gibt zwei riesige Regale und da ist alles drin was man zum Spielen braucht. ALLES! Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir irgendwas fehlt. Dabei finde ich nicht, dass es zu viel ist. Gerade genug um jedes Spiel, das man sich innerhalb von vier Wänden vorstellen kann, auch erfolgreich umzusetzen.

Dabei bin ich ein großer Gegner von zu viel ‚Spielzeug‘ für Kinder. Aber das ist ein anderes Thema. Mein Spielzeug ist der Alltag und nicht die Spielzeugindustrie. Das beantwortet sicher auch die Frage nach den Auswahlkriterien für mein Spielzeug. Was rausfällt ist, was nur ein Spielzeug sein will oder was nur eine kurze Lebensdauer hat, wie zum Beispiel Mode und Modisches.

Ich mache meine Bilder aber auch immer gleichzeitig für die Erwachsenen. Das ist mir sehr wichtig. Denn die haben so einen enormen Einfluss auf die Kinder. Ich muss sie also in den Diskurs einbeziehen, wenn ich etwas für die Kinder erreichen will.

Konstanze:

Das Spielerische als Schnittmenge zwischen Erwachsensein und Kindsein… Sehr interessanter Gedanke. Der mir auch ein wenig Angst macht, da so viele Erwachsene das Spielerische in ihrem Leben ganz abgelegt haben. Vielleicht aus Sorge, tatsächlich als „kindisch“ oder „leichtfertig“ abgestempelt zu werden. Und damit etwas Essentielles kappen…

Jan:

… Man sollte nicht ganz in Tränen versinken wenn es ums Spiel bei den Erwachsenen geht. Fußball und Tanzen sind auch Spiele. Aber ja, du hast schon recht. Das Spiel hat keinen guten Stand in der Erwachsenen Welt.

Konstanze:

Oh, sie spielen auch Siedler und Computer und Game of Thrones, aber wir reden ja vom Spielen. Dass du Kinder als Experten (auch für den spielerischen Umgang mit dem Leben, ja?) ernst nimmst, merkt man deinen Bilder und Büchern an. Vielleicht ist das sogar der Schlüssel zu der besonderen Magie, die von deinem Werk ausgeht. Und die mitnichten nur Kinder in Bann zieht. Was MONSTERHELDEN zu einer Einladung macht. Zum gemeinsamem Betrachten und gemeinsamem Weiterspinnen herrlich fantastischer Möglichkeiten. Es ist ein Buch, das ich in meine Schreibwerkstätten mitnehmen werde, die sich oft als reine Erzähl- und Fabulierwerkstätten entpuppen. Oft haben wir nur ein Bild und erzählen einfach los. Ich bin gespannt, was ich von deinen Monsterhelden auf diese Art noch alles erfahren werde…

Jan:

… Kinder als Experten für meine Arbeit hauptsächlich. Aber man kann immer was von ihnen lernen. Das können, glaube ich, alle wachen Eltern irgendwie bestätigen. Ich bin gespannt was deine Schreibwerkstatt draus macht. HA!

Konstanze:

Das wirst du erfahren, wenn die jungen Autorinnen und Autoren es gestatten!

Vermutlich ist die Frage müßig, da das „geheim“ ja schon drinne steckt…, aber wie würdest du deine kleine geheime Mission in einem Leitsatz zusammenfassen?

Jan:

Meine Mission? In einem Leitsatz? Puh… das geht glaube ich nicht. Am Wichtigsten dabei ist, daß sie subversiv ist und Kinder und Erwachsene auf eine Verständnis- und Respektebene bringt. Und das muss Spaß machen. Bei dem Gedanken hallt auch mein Kindheitslied von Grönemeyer immer wieder mit: ‚Kinder an die Macht‘. Das fand ich schon immer eine spannende Theorie.

Konstanze:

Deine Ausführungen bringen mich überdies auf die anderen Bücher, die in letzter Zeit von dir erschienen sind. Vor allem auf UND WAS WIRD JETZT MIT MIR? Ein Buch, das Kinderfragen zum Thema Scheidung beantwortet. In Wort und Bild. Und ich brauche, glaube ich, nicht mehr zu erwähnen, wie sehr deine Bilder auch zu diesem ernsten, oftmals sehr traurigen und neue Weichen stellenden Thema auch hier allein schon sprechen. Fast genügt dieses herrliche pastellbunte Eis, das auf dem ersten Bild auf die Pflastersteine gefallen ist, um die ganze Misere des unwiederbringlichen Verlusts darzustellen. Du nimmst das Innenleben der Kinder ernst. Und hast Autoren gefunden, die für das Thema auch die richtigen, sehr einfühlsamen und kinderklugen Worte finden. Irgendwie habe ich das Gefühl, als hättest du ihnen genau gesagt, was geschrieben werden soll – vor allem jetzt auch während unseres Gesprächs. Du bist nicht „nur“ (und dieses „nur“ lies bitte wirklich in Anführungszeichen) der Illustrator dieses besonderen Buchs. Es ist komplett dein Buch. Deine Idee.  Dein Konzept. Oder?

 

Jan:

Danke für die schönen Worte zu unserem Scheidungsbuch. Das Eis am Anfang ist tatsächlich ein wichtiges Symbolbild auch für uns gewesen. Eis ist futsch – geht nicht mehr zu ändern oder sogar rückgängig zu machen. Ende Gelände – kümmer dich um dein nächstes Eis…, also um die Zukunft und nicht die Gegenwart.

Das Grundkonzept für die Fragebücher bei Gabriel war und ist von mir. Drum steht auch auf der ersten Seite der Bücher: Ein Buch von JvH. Ich entwickle diese immer in enger Zusammenarbeit mit dem Verlag und gebe den Themen meine Grundverständnisse und Visionen dazu. Beim Trennungsbuch war es etwas anders. Das habe ich über 3 Jahre mit meinem besten Freund Arne Jørgen entwickelt. Wir wollten schon lange mal ein Buch machen, in dem wir unsere Berufe miteinander kreuzen und eine gemeinsame Vision verfolgen. Wir sind ein ziemlich enges Team – fast seelenverwandt. Er brachte seine Erfahrungen aus seiner Psychologiepraxis mit Kindern mit, ich die Erfahrung Bücher zu machen und visuelle Konzepte dafür zu erspinnen. Außerdem bin ich auch selbst ein Scheidungskind. Da kam viel Persönliches von mir mit rein, auch fast Biographisches, was nicht heißt, daß meine Eltern es so gemacht hatten wie im Buch. Oft leider anders. Aber hey. Wir entschieden uns über ein Jahr hinweg Workshops mit 20 Kids und deren geschiedenen Eltern zu machen. Und auf dem Weg ein Konzept für das Buch zu entwickeln, welches wirklich auch als lösungsorientiertes Handbuch für die betroffenen Kids dienen kann und gleichzeitig die Eltern etwas therapiert, während die Kinder immer wieder entschuldigt werden. Denn die sind in dem Fall einfach die lieben Engelchen, die die doofe Suppe oft auslöffeln müssen.

Dialika kam erst dazu als der Inhalt stand und hat das dann in die richtige Sprache gepackt. JO!

Konstanze:

Ein Buch, in dem richtig viel steckt. Freundschaft, Seelenverwandtschaft, Talent, jahrelange Berufserfahrung, persönliche Erfahrung, ein durchdachtes, erprobtes Konzept und Kinder und Eltern als „Motiv“, die auch alle durch diesen unwiederbringlichen Eiscremeverlust gegangen sind. Ihr bleibt nicht beim futsch, ihr schaut weiter. Und Dialika hat sehr einfühlsame, dabei direkte und aufrichtige Worte gefunden. Es wundert mich nicht, wie sehr mich dieses Buch gleich gefangen genommen hat. Umarmt hat, ist vielleicht der bessere Ausdruck. Ich bin kein Scheidungskind, doch ich kann mir lebhaft vorstellen, wie gut dieses Buch den Kindern tun muss, denen das süße, sorglose Leben in einem schrecklichen Moment davon schwimmt. Was mich zur nächsten Frage bringt: Wie kommt dieses Buch zu den Kindern? In den Momenten, in denen sie es am nötigsten brauchen? Ich glaube fast, in einer Buchhandlung im Regal zu stehen, reicht da nicht…

Jan:

Ja! Hm! Wie bekommt man es baldigst in die Hände der frisch betroffenen Kinder? Schwierig. Leider gibt es keine Institution, die bei Trennungen von Eltern sofort einschreitet und Hilfe bietet. Ich finde, es sollte mal ein Büro erfunden werden, von wo man, sobald die Trennung irgendwie klar ist, eine Information dazu bekommt, an was man alles zu denken habe. Und bitte zu aller erst an die schwächsten, die auch mitbetroffen sind. Natürlich sind da Therapeuten und Ärzte und Lehrer, die sowas wahrscheinlich bald mitbekommen. Aber vielleicht muss es einfach durch Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Eltern gehen. Sind ja schließlich jede/r 3!

Konstanze:

Über so ein Büro hab ich allen Ernstes auch gerade nachgedacht. Von mir aus auch ein Büro für Leute, die eng mit Kindern zusammen arbeiten. Du erwähntest es hier schon, und ich kenne das aus meiner Arbeit auch: die Kinder vertrauen dir, weil sie sich wohlfühlen bei dir, du bist Respektsperson und großer Freund, nimmst sie in deiner Arbeit ernst – als Lehrer, Erzählerin, Kursleiter, Künstler, whatever…. Ich war nicht selten wohl eine der Ersten, die von einer Trennung der Eltern erfahren hat. Leute wie wir müssen wissen, dass es Bücher wie dieses gibt.

Die Bücher, die in der Reihe „Kinderfragen“ bei Gabriel erscheinen, sind allesamt hervorragend. Sie machen Freude anzusehen. Und sie erklären komplexe Themen. DENKSTE?! – über das Gehirn und KRIEGEN DAS EIGENTLICH ALLE? über die Pubertät gehören schon seit geraumer Zeit zu den LESEWEIS®-Favoriten. Nun habe ich zwei weitere Bücher dieser Reihe von dir hier liegen, die das Internet kindgerecht hinterfragen, im Band WWWAS?, und sich mit Politik beschäftigen, in WENN ICH KANZLER/IN VON DEUTSCHLAND WÄR.

 

Drei Fragen dazu: Du musst ungeheuer produktiv sein, diese starken Bücher leuchten von deinen vielen, vielen Bildern – wie viel Zeit benötigst du für ein solches Kinderfragen-Buch? Allein du als Foto-Künstler. Die Titel sind – auch von dir? Und die Kinderfragen…, wie kommt ihr an die? Sammelt ihr die tatsächlich bei Kindern? Beginnt hier schon die Interaktion? Die Schnittmenge Kinder und Erwachsene? (Das waren wirklich nur drei Fragen! Ehrlich.)

Jan:

Für eines dieser Bücher brauche ich im Durchschnitt 1 Jahr von Planung bis Abgabe. Wir haben das aktuelle Politikbuch aber in einer wahnsinnigen Tour de Force durchgerockt, da es an dem Tag nach Donald Trumps Wahlsieg nicht anders möglich war, als schnell und unbedingt die Welt zu retten, bevor in Deutschland die Wahlen kommen. Meine Lektorin rief mich an dem Tag an und überzeugte mich, daß wir innerhalb von 3 Monaten sowas hinbekämen. Ich glaubte ihr nicht. Denn ich hatte ja noch viel andere Arbeit zu tun. Aber wir haben es tatsächlich geschafft. Aber wiederholen will ich so eine Aktion nicht. Auch wenn es sich gelohnt hat. Ich brauche normalerweise 2-3 Monate alleine um 40-60 Bilder zu konzipieren. Dann fangen wir an zu fotografieren und dann ändern sich ja, wie bekannt, immer noch viele Sachen und Ideen und wir steuern mal hier und mal da hin. Am Ende sollte dann auch noch genug Zeit sein, um mal alles sacken zu lassen und feinzusteuern, Feedback von den Kindern und Eltern zu holen, Fotos neu schießen, etc. pp.

Die Titel schöpfe ich für die Sachbücher zusammen mit meiner Lektorin.

Die Kinderfragen kommen immer aus verschiedenen Ecken.

Beim Pubertätsbuch bin ich über einen Topf von 500 Fragen gestolpert, den das Familienplanungszentrum BALANCE in Berlin gesammelt hatte. Daraus kam mir die Idee zum Buch. Beim Religionsbuch haben wir über die Onlineplattform http://religionen-entdecken.de/ einen Aufruf gestartet. Diese Seite ist immens frequentiert von Kindern. Bei jedem Buch kommen die Fragen wo anders her. Aber sie sind immer echt.

Konstanze:

Das ist doch eine wunderbare Abschlussfeststellung für dieses aufschlussreiche und für mich hochinteressante Gespräch, lieber Jan: Bei den Büchern von und mit Jan von Holleben ist immer alles echt. Von der ersten Idee über das Konzept, die Modelle, die Fotos, die Gefühle, das Wissen…, natürlich bis hin zu den Kinderfragen. Das ist großartig und das merkt man den Büchern einfach auch an.

Natürlich kitzelt mich noch die Frage, was wir wohl als nächstes von dir erwarten dürfen… Kannst du uns schon was verraten?

Jan:

Was als nächstes kommt ist ein RIESEN PROJEKT! Ich bin schon ziemlich gespannt drauf. Es sind 6 Bücher in einer Box. Seit fast genau 10 Jahren sitze ich da dran und es ist im Unterschied zu den anderen Büchern eher ein Kunstbuch. Keine vielen Kinder drinnen aber für viele Kinder da draußen. Fast intellektuell, aber dann doch einfach nur künstlerisch. Ein Spielebuch mit der Kamera. Es wird KOSMOS heißen und der tollste Kinderkunstbuchverlag der Welt wird es publizieren.

Konstanze:

Fan-tas-tisch. Ich bin mega-mega-gespannt. Jetzt aber dank ich dir erst mal für dein tolles Werk (bislang) und für dieses Gespräch, das mir sehr viel Freude bereitet hat.

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