Das kleine weiße Pferd

Einen der Klassiker, den ich euch gerne ans Herz legen würde, stammt aus der Feder von Elisabeth Goudge. Die Engländerin hat das Buch 1946 veröffentlicht. Ich habe es als Kind gelesen und bin damals regelrecht in der zauberhaften Geschichte dieses alten Herrensitzes verschwunden. Hier geschah Wunderbares, und das Auftauchen von seltsamen Wesen hatte etwas berauschend Selbstverständliches. Erst viel später entdeckte ich das Buch wieder. Und entdeckte als Anmerkung auf dem neuen Cover, dass Joanne K. Rowling Das kleine weiße Pferd als ihr Lieblingsbuch bezeichnete. Das hätte ich als Verlag garantiert auch auf die Titelseite drucken lassen! 

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Die Kids meines Lesesaloons überzeugte diese Anmerkung jedenfalls davon, dass wir diese Geschichte gemeinsam lesen würden. Ihr Stil ist altmodisch, wenn man das Wort nicht negativ verstehen möchte. Tragend, ausführlich, die Erzählerin lässt sich Zeit, Beschreibungen brauchen viele Zeilen, Symbole und Zeichen werden kompliziert in die Erzählung geworden. Es wird vieles gesagt, was moderne Autoren heute gerne auslassen würden. Und doch wird nichts gesagt, was nicht eine wichtige Bedeutung für die Geschehnisse hätte.Auf Seite 120 angekommen, bemerkten meine Schüler glücklich, dass die Geschichte nun endlich richtig losginge. Tatsächlich waren an dieser Stelle zum ersten Mal unheimliche schwarz gekleidete Männer aufgetaucht, die Helden des Buches gerät das erste Mal wirklich in Gefahr. Stichwort: Action! Einige Schülerinnen jedoch meinten, dass sie auch bis an jene spannende Stelle das Buch auf ganz besondere Weise genossen hätten. Es ist so schön, sagten sie, dass man sich bei den langen Beschreibungen alles so genau vorstellen kann. Und denkt man allein an das zauberhafte Zimmer, dass Mary zugeteilt wird, als sie auf dem Herrensitz ihre Väter eintrifft, weiß man, wie sehr die Beschreibungen einen an Ort und Stelle versetzen.Und so folgt man der sich zuspitzenden und aus der Vergangenheit hereinreichenden Geschichte des Familiengeschlechts der Merryweathers. Man wird Zeuge, wie die junge Mary versucht, den alten Bann, der auf der Familie lastet, zu durchbrechen. Wie sie die großen Geheimnisse lüftet, versucht ins Positive zu wenden, was schief gelaufen ist in vorausgegangenen Generationen, wie sie aber auch das Schöne, das ihre Familie hervorgebracht hat, wieder entdeckt und auf besseren wegen weiterführt. Dabei bleibt uns Lesern überlassen, wie viel wir mystischen Geschehnissen zuschreiben oder aber pragmatischen Denken. DAS KLWINE WEISSE PFERD ist die Geschichte eines tapferen Mädchens, eines alten Verhängnisses, einer zarten Liebe und einer Welt, in der nicht alles sich logisch erklären lässt. Manche Dinge Sind so verästelt wie die Zweige eines besonderen Baumes. Wenn wir das Lesen genießen, uns Zeit für das Buch nehmen, sehen wir diesen Baum blühen.


Elizabeth Goudge: Das kleine weiße Pferd. Aus dem Englischen von Silvia Brecht-Pukallus. Mit den Illustrationen der Originalausgabe von C. Walter Hodges. Verlag Freies Geistesleben, dritte Auflage 2015. ISBN 978-3-7725-2046-4. Ab zehn Jahren.