Die Magie des Pop-Up-Buchs

Ein Schatz der Inter-Aktion

Text: Konstanze Keller
©Fotos: Jasper Hill

Für manche sind sie Bücher mit wenig Handlung, die sich nur knirschend öffnen, ein Papierkunstwerk mehr schlecht als recht aufbauen und dann leider nicht offen genug stehen bleiben, um ihre Pracht dauerhaft zu präsentieren. Ein Ärgernis mit Schnickschnack eben. Kein Buch; ein Ding.

Für andere entfalten Pop-Up-Bücher einen unwiderstehlichen Zauber. Wenn man sie behutsam und geduldig aufschlägt, kommt einem eine andere Welt entgegen, bietet sich an, lädt ein, verzaubert. Kein Buch; eine magische Tür.

Vielleicht vergessen die einen ja, dass jedes Buch nur funktioniert, wenn beide mitmachen: das Buch und sein Leser:
Das Buch verheißt mit seinen lockenden Worten und Bildern eine andere Welt, eine uns noch fremde Geschichte. Am Betrachter oder Leser ist es nun, diese Einladung anzunehmen. Was speziell beim Pop-Up bedeutet: einzutauchen. Auch wirklich physisch nah an das Buch heranzugehen, es möglicherweise anzuheben, verschiedene Winkel auszuprobieren, mit der Nase schon fast an die papiernen Kunstwerke zu stoßen. Selbst ganz klein werden; als Frosch schauen. Licht durch die filigranen Papierwerke fallen lassen, sich in den Schatten verstecken, um dann ins Licht hervorzubrechen; Vogel werden, hindurch fliegen. Dann ist es nur noch ein Schritt, und der Betrachter verschwindet im Zauberreich des Pop-Ups wie Alice einst im Wunderland.

Und damit ist das Pop-Up-Buch für mich das Buch par excellence. Eine geniale Falttechnik macht hier sichtbar – für den, der seine Augen nutzt -, welche Möglichkeiten eine Geschichte bietet. Geben wir uns mit einem Buch keine Mühe, dann bleiben wir draußen. Nehmen wir seine Einladung jedoch an, entfaltet sich der ganze Zauber, wir dürfen für einige Momente aus dem wahren Leben entschwinden und werden reich beschenkt.

Buch oder Spielzeug?

Was ist das nur mit diesem Pop-Up-Buch, das papierne Welten vor mir aufklappt, hier ein bisschen wackelt, da ein bisschen zittert und mit viel Glück einen drehenden Mechanismus vollführt? Ist es nun ein Buch oder doch eher bloß ein Spielzeug? Wirklich lesen kann ich es nicht – oder ist es Lesen, wenn ich mein Auge über die vielen Bilddetails wandern lasse, die sich in einem dreidimensionalen Täuschungsmanöver vor mir aufbauen? Wenn ich hineinspitze in diese gemalte und gefaltete Welt? Und meinen Kopf anstrenge, um die Geschichte zu erahnen, die die Bilder mir erzählen? Texte sind oft nur knapp im Pop-Up. Dann ist es wohl am ehesten ein Bilderbuch. Noch dazu eins, das mit mechanischen Zaubertricks um meine Aufmerksamkeit feilscht.

Historisch betrachtet kommen sie aus einem Guss, die Kinderbücher und das papierne Spielzeug. Als Verlage anfingen, Bücher für Kinder herzustellen, begannen sie auch mit der Produktion von Auffalt-Karten, Klapp- und Aufstellbüchern und weiterem gedruckten Papierspielzeug wie Anziehpuppen, Diarahmen, Guckkastenbüchlein und Papier-Theatern, sowie Papp-Kulissen, die mit Papierfiguren, manchmal sogar als Schattenspiel, bespielt werden konnten. Das Pop-Up-Buch ist also zumindest kein neumodischer Schnickschnack. Im Gegenteil: Bücher, die nicht auch Töne von sich geben oder auf Antippen hin anfangen, Geschichten zu erzählen oder Sachverhalte zu erklären, muten doch eher recht großmütterlich an.
Und schon bin ich doch gewillt, eher ein Pop-Up als Buch zu beschreiben, denn ein mit Soundmodulen ausgestattetes Pappbilderbuch, bei dem die zu drückenen Anschaltknöpfe für Kinder die eigentliche Attraktion darstellen.

Das Pop-Up, das die Augen, die Vorsicht, die Fantasie und den Grips des Betrachters benötigt, um seine ganze Herrlichkeit zu entfalten, ist viel näher mit dem Buch verwandt als das elektronisch sprechende Spielzeugbuch, das von Batterien abhängig ist. Kinder spielen mit der Druckknopftechnik des elektronischen Bilderbuchs. Sie spielen damit Telefon, Showstar, Fernsehmoderator oder Gespenst. Schließlich kann man es irgendwo im Zimmer verstecken und sprechen lassen – ob man nun hineinschaut oder nicht.
Das Pop-Up-Buch erfordert deutlich weniger robusten Umgang. Es braucht Behutsamkeit; eine ruhige Konzentration; volle Aufmerksamkeit: und die Stimmen im Kopf.

Wenn ich über all das so nachdenke, schiebe ich das Pop-Up immer weiter auf die Seite der Bücher. Als Spielzeug im Kinderzimmer taugt es nicht und wäre bald zerstört. Zu filigran; zu festgelegt auf einen Gebrauch. Es ist ein Gegenstand für Betrachter und Träumer, für kleine Leute mir großer Fantasie, Ruhe und Zeit. Ein Gegenstand für besondere Momente. Der zu leben beginnt, wenn ich mich ihm widme. Ja, das Pop-Up ist ein Buch, denn es bringt mich dazu, in meinem Kopf eine Geschichte entstehen zu lassen. Es lebt in aller Stille. Und wartet im Bücherregal, bis ich es wieder hole und aufklappe.

Interview mit Papier-Falt-Künstlerin Tina Kraus

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